Dr. Dr. Susanne Kluba
Fachärztin Für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie

Sehr geehrte Kollegen, liebe Verantwortliche für die Babygesundheit,

Schädeldeformitäten im Säuglingsalter sind seit fast drei Jahrzehnten ein oft beobachtetes Phänomen. Dabei sind die allermeisten davon lagebedingt und nur selten sind vorzeitige Schädelnahtverschlüsse, s.g. Kraniosynostosen, ursächlich.  Gerade die lagebedingten Fehlformen werden trotz vielfältiger wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Thema nach wie vor auch in Fachkreisen sehr kontrovers diskutiert. Die Einstellungen zur Relevanz und Therapiebedürftigkeit dieses Phänomens variieren individuell und in den verschiedenen Therapeutengruppen insbesondere bei der Wertung einer Helmtherapie stark. Gleichzeitig existiert aber ein hohes Informations- und Beratungsbedürfnis von Eltern und Betreuungspersonen und kontroverse Aussagen können zu Verunsicherung auf Elternseite führen. Im Interesse der betroffenen Familien sollte die Sorge der Eltern ernst genommen und adressiert werden und eine Beratung oder ggf. auch eine Zuweisung zu einem kraniofazialen Spezialisten erfolgen.

Als medizinische Fachkraft, Hebamme, als Kinderärztin oder Kinderarzt haben Sie die Möglichkeit, Kopfverformungen früh zu erkennen und eine sinnvolle Therapie einzuleiten. Noch wichtiger ist eine frühzeitige Aufklärung der Eltern und Empfehlungen zur aktiven Prophylaxe. Wir möchten sie unterstützen

  • die Kopfform richtig zu beurteilen
  • Eltern frühzeitig zu lagebedingten Kopfverformungen aufzuklären und einfache Maßnahmen zur Vorbeugung an die Hand zu geben

Wir haben hier für Sie grundlegende Informationen zur Entstehung, Diagnose und Therapie von lagebedingten Kopfverformungen zusammengefasst und unseren präventiven Ansatz erläutert.

Herzlichst Ihre

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Ursachen einer Kopfverformung

Als einer der multifaktoriellen, nicht kausal nachgewiesenen, Einflussfaktoren für die  heutzutage verstärkt beobachteten kranialen Lagefehlformen wird  die 1992 formulierte Empfehlung zur Rückenlage  als Prävention des plötzlichen Säuglingstodes (Sudden Infant Death Syndrom, SIDS) angenommen. Diese Empfehlung führte zu einer signifikanten Reduktion der SIDS-Todesfälle. Allerdings wurde in der Folge ein Anstieg  in der Inzidenz von Schädeldeformitäten beobachtet. Unter anderem berichten Argenta et al. von einem Anstieg okkzipitaler Abflachungen um bis zu 600% .Je nach Einschlusskriterien wird in der Literatur eine Inzidenz von bis zu 46,6% für lagebedingte Schädeldeformitäten angegeben, bei Frühgeborenen bis  über 80% am Entlasstag.

Neben diesem relevanten postnatalen Risikofaktor sind für die Entstehung von lagebedingten Schädeldeformitäten eine Reihe weiterer Riskofaktoren bekannt. Zu diesen zählen unter anderem:

Pränatale Faktoren:

  • männliches Geschlecht
  • Primipara
  • intrauterine Zwangslagen

Postnatale Faktoren

  • Rückenlage
  • eingeschränkte Kopfbewegung (Torticollis)
  • Seitenbevorzugung
  • Flaschenernährung ohne Positionswechsel
  • geringe “tummy time”
  • Entwicklungsverzögerung, geringe Aktivität

Postnatale Faktoren

  • Zangen- oder Suagglockengeburten
  • hohes Geburtsgewicht
  • Frühgeburtlichtkeit
  • großer Kopfumfang

Entstehung und klinisches Bild

Die Schädelnähte sind physiologisch zur Geburt noch nicht verknöchert. Damit ist der Schädel allerdings insbesondere in diesen ersten Lebensmonaten noch leicht durch externe Kräfte verformbar.

Lagebedingte Fehlformen können sich klinisch in einer Schiefschädeligkeit (Plagiozepahlie) mit einer einseitigen okzipitalen Abflachung als Hauptmerkmal oder einer Kurzschädeligkeit (Brachycephalie) mit beidseitiger Hinterkopfabflachung manifestieren. Mischformen sind häufig. Des Weiteren können eine Ohrachsenverlagerung und Gesichtsasymmetrien auftreten. Argenta hat die relevanten Kriterien in seine klinische Klassifikation einfließen lassen.

Klassifikation des Schiefschädels

Leichte Seitliche Abflachung

Mittlere seitliche Abflachung mit Verschiebung des Ohrs

Starke seitliche Abflachung mit Verschiebung des Gesichts

Klassifikation des Kurzschädels

Leichte Abflachung des Hinterkopfes

Mittlere Abflachung des Hinterkopfes

Starke Abflachung mit angestiegenem Hinterkopf

Diagnose lagebedingter Kopfverformungen

Wegweisend in der Diagnostik sind Anamnese und klinisches Bild.  Eine sorgfältige Erhebung der Anamnese, insbesondere in Bezug auf Risikofaktoren und Verlauf, lassen in Kombination mit dem typischen klinischen Bild häufig eine Eingrenzung der Diagnose zu. In der Abgrenzung der lagebedingten Kopfverformungen zu den Schädelnahtverschlüssen ist neben dem typischem Aussehen der Verlauf entscheidend.  Während Lagefehlformen eine Besserungstendenz zeigen, wird die Deformität bei Kraniosynostosen im Verlauf ausgeprägter und zeigt keine Spontanbesserung. Zur Diagnostik und Verlaufskontrolle kann ein strahlungsfreies Oberflächenscanverfahren, wie z.B. die 3-D-Stereophotogrammetrie zum Einsatz kommen. Zum Ausschluss eines prämaturen Schädelnahtverschlusses ist die Schädelsonografie als nicht invasives und ebenfalls strahlenfreies Verfahren geeignet.

Bei bereits früher deutlicher Deformität oder einer über den 4. Lebensmonat hinaus bestehenden auffälligen Verformung sollte eine Vorstellung in einem kraniofazialen Zentrum oder einer Helmsprechstunde erwogen werden. Diese Vorstellung sollte und kann zeitnah und parallel zu anderen therapeutischen Ansätzen wie Physiotherapie oder Osteopathie erfolgen, da der Therapieerfolg bei indizierter oder gewünschter Helmtherapie auch vom Alter bei Therapiebeginn abhängig ist.

 

Therapieempfehlung bei lagebedingten Kopfverformungen

In Abhängigkeit von Schweregrad, Auffälligkeit, Wünschen der Eltern und den Begleitumständen stehen therapeutisch verschiedene Ansätze zur Verfügung. Bei milder Ausprägung kann eine Spontanbesserung abgewartet und mit einfachen Lagerungsmaßnahmen unterstützt werden. Generell stellen möglichst frühzeitig und konsequent angewendet aktive und passive Lagerungstherapie einen wichtigen präventiven als auch therapeutischen Ansatz dar.  Dazu zählen das aktive Umlagern des Kindes oder auch die Nutzung von Lagerungshilfen. Lagerungskissen zur Unterstützung einer druckentlastenden Lagerung werden in Studien der Physiotherapie  als vergleichbar effektiv oder dieser sogar überlegen beschrieben. Die Produkte kommen zum Großteil jedoch nicht den Präventionsempfehlungen zur Reduzierung des SIDS-Risikos durch Verzicht auf Kissen im Kinderbett nach.

Ein weiterer wichtiger und an möglichen Ursachen orientierter Therapieansatz ist die bestmögliche Förderung der Mobilität und Beseitigung möglicher Bewegungslimitationen (Torticollis). Hier ist die Physiotherapie  wichtiger Pfeiler der Therapie. Als Maximalvariante der Therapie steht für schwere Ausprägungen mit der Helmtherapie eine nichtinvasive und nebenwirkungsarme Behandlung zur Verfügung. Die Helmtherapie ist in vielen Studien als effektiv beschrieben. Allerdings erfordert sie eine gute Mitarbeit der Eltern und ist zeitsensibel. Ein Therapiebeginn vor dem 6. Lebensmonat, idealerweise zwischen 5.- und 6. Lebensmonat, zeigt ein statistisch besseres Outcome als später begonnene Therapien. Prinzipiell sind alle Maßnahmen je nach Fall auch kombiniert und parallel anwendbar und führen hierdurch auch zu einer Verbesserung des Therapieeffektes.

Fokus auf Prävention lagebedingter Kopfverformungen

Gerade mit Blick auf die sehr kontrovers diskutierte und auch mit hohen, selbst zu zahlenden Kosten von circa 1000-2000€ verbundenen Helmtherapie halten wir die Prävention und Aufklärung für den vielversprechendsten Ansatz. Ziel dabei ist es, den Schweregrad der Ausprägung zu reduzieren und damit die Notwendigkeit für aufwendige Therapien zu vermeiden bzw. zu reduzieren. Alle präventiven Maßnahmen haben den größten protektiven Einfluss je eher diese erfolgen -prinzipiell ab dem ersten Lebenstag, da innerhalb der ersten Lebensmonate der Schädel sowohl das größte Wachstumspotenzial aber auch die größte Anfälligkeit für lagebedingte Deformitäten aufweist. Durch das vermehrte Aufliegen auf einem noch mild abgeflachten Schädelknochen kann sich diese Deformität selbst verstärken, auch hier ist somit eine tertiäre Prävention indiziert.

Allgemeine Maßnahmen zur Prävention

Als naheliegendste, zudem kostengünstigste und effektivste Maßnahme gilt zunächst die Aufklärung und Instruktion der Eltern z.B. im Rahmen einer der ersten Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt oder bei der Nachsorge durch die Hebamme. Hierbei sollten sowohl die Pathogenese als auch mögliche präventive Maßnahmen zur Vermeidung einer einseitigen Lagerung thematisiert werden. Diese sind:

  • Das Tragen der Säuglinge in Tragetüchern oder Tragesystemen,
  • das Stillen oder Flasche Geben in wechselnder Trinkposition
  • das Aufstellen des Kinderbettes mit unterschiedlicher Orientierung zum Fenster
  • die Kontaktaufnahme zum Säugling von verschiedenen Seiten
  • sowie unter Beobachtung die Förderung der motorischen Entwicklung in Bauchlage (“tummy time”) zu Wachzeiten der Säuglinge
  •  

Vorbeugen durch druckentlastende Lagerung

Ferner empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, u.a. zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, als Präventionsmaßnahme spezielle Lagerungskissen, die ein freies Schweben des Hinterkopfes ermöglichen. Dies sei eine einfache und kostengünstige präventive Maßnahme. Ihre Effektivität ist durch Studien nachgewiesen worden.

Die Empfehlungen zur Prävention des plötzlichen Kindstodes beinhalten neben der Empfehlung der Rückenlage jedoch u.a. auch einen Verzicht auf großvolumige Kissen. Unser kleinvolumiger und mitwachsende Lagerungsring Medibino mit freiem Schweben des Hinterkopfes und Unterstützung der für den SIDS protektiven Rückenlage -aber dabei weiterhin möglicher freier Kopfbeweglichkeit- kommt diesen beiden Präventionsempfehlungen nach.

Durch seine kleine, flexible Form kann er neben dem Einsatz im Kinderbett auch im Kinderwagen und Babyschalen verwendet und damit die belastende Liegedauer weiter minimiert werden. Der Medibino® wurde zur Prävention von lagebedingen Deformitäten als Medizinprodukt mit entsprechender Prüfung der Biokompatibilität und des Risikomanagementes zertifiziert.

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Schreiben Sie uns sehr gerne, sollten Sie noch weitere Fragen oder Anmerkungen haben: info@kluba-medical.com

Für ein persönliches Gespräch rufen Sie uns bitte an +49 (0) 211 5421 2590

Gerne stellen wir Ihnen Informationsmaterial für Sie und Ihre Patienten rund um das Thema Vorbeugen, Erkennen und Behandeln lagebedingter Kopfverformungen für Ihre Praxis zur Verfügung. Sprechen Sie uns gerne an oder senden Sie uns eine Email mit dem Betreff “Infopaket Kopfverformung” an info@kluba-medical.com